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Interview "Bündner Tagblatt" vom 30. September 2006
«Bündner Tagblatt»:
Vreni Müller-Hemmi, Sie leben und politisierenin Zürich. Susanne Leutenegger
Oberholzer, Sie vertreten den Kanton Baselland – was verbindet Sie heute noch mit dem Kanton
Graubünden und mit Chur, wo Sie aufgewachsen sind?

Susanne Leutenegger Oberholzer:
Ich habe eine emotionale und nach wie vor sehr starke Bindung zu Graubünden. Meine Eltern leben beide in Chur.

Vreni Müller-Hemmi:
Auch meine Verbindung ist in erster Linie privater Natur. Meine Mutter lebt im Pflegeheim in Chur, und ich besuche sie sehr oft. In Sils im Engadin bin ich jedes Jahr in den Winterferien. Ausserdem besteht nun auch noch eine intensive Beziehung zum wissenschaftlichen und kulturellen Graubünden: Ich gehöre neu dem Stiftungsrat des Denklabors Villa Garbald in Castasegna an.

Wie wirken sich Ihre Bündner Wurzeln heute noch aus?

Müller-Hemmi:
Ich bin heute noch geprägt davon, dass ich in einem
Kanton aufgewachsen bin, der drei Kulturen besitzt. Diese Multikulturalität wirkt sich auf meine Arbeit in Bern positiv aus.

Leutenegger Oberholzer:
In Basel machte ich vorerst die Erfahrung, dass die Integration verschiedener Kulturen in Graubünden
bereits viel fortgeschrittener war. Die italienische Sprache gehörte in Graubünden zum Alltag, in Basel aber wurde sie als Bedrohung wahrgenommen. Diese Fremdenfeindlichkeit, die zu Beginn der 70er-Jahre in den Städten zu beobachten war, hat mich schockiert.

Müller-Hemmi:
Freundinnen aus dem Puschlav oder dem Bergell
zu haben war für uns während der Kantonsschulzeit einfach selbstverständlich.

Dann war Graubünden für ihre politische Karriere wegweisend?

Leutenegger Oberholzer:
Ich bin über die Frauenfrage zur Politik gestossen, da ich ohne Stimmrecht erwachsen geworden bin. Das war so absurd. Ich habe meine politische Karriere in der Poch gestartet, die sich sehr stark als multikulturelle Partei verstanden hat.

Müller-Hemmi:
Ich bin während meiner Zeit im Lehrerseminar
«politisiert» worden. Im Zuge der 68er-Bewegung haben wir ein Schülerparlament gegründet. Das
waren meine ersten Parlamentserfahrungen. Über die Gleichstellungspolitik bin ich 1980 in meiner
damaligen Wohngemeinde Adliswil in Zürich dann der SP beigetreten.

Frau Leutenegger Oberholzer, Ihre Mutter war offenbar die erste Frau in Chur, die sich gewagt hat, Hosen anzuziehen. Damals ein Skandal.

Leutenegger Oberholzer:
Ist das irgendwo festgehalten? An das kann ich mich nicht erinnern (lacht). Meine Mutter war immer
sehr selbstbewusst und selbstbestimmt. Auch modisch orientiert. Sie führte eine Boutique am Martinsplatz.

Welche Kindheitserinnerungen sind Ihnen von Chur geblieben?

Müller-Hemmi:
Ich habe in Masans die Primarschule besucht. An
das ländliche Chur erinnere ich mich gerne. Und natürlich an den Fürstenwald, wo wir gespielt hatten und Hütten bauten, im Frühling «Rossnägel» (Kaulquappen) sammelten und im Herbst durchs knietiefe Laub stampften.

Leutenegger Oberholzer:
Ich bin eine richtige Churerin und werde es immer bleiben. Mein Grossvater war Braumeister in Susch
und später in Chur. Meine Mutter ist in der Brauerei gross geworden. Die ganze Familie ist sehr stark mit der Stadt Chur verbunden. Als meine Mutter die Boutique führte, betreute ich die Finanzen des Geschäftes. Während der Kantonsschulzeit habe ich mit meiner Mutter
beim Bärenloch gewohnt. Chur lässt mich nicht mehr los.

Wie haben Sie reagiert, als Sie hörten, dass die Session in Flims stattfindet?

Leutenegger Oberholzer:
Dass der Rat in Graubünden tagt, hat mich gefreut. Nur der Standort Flims stimmte mich anfänglich
skeptisch. Nun herrscht hier eine Campus-Atmosphäre, die Begegnungen auch über die Parteigrenzen hinweg ermöglicht. Diese Erfahrung
ist sehr positiv. Ich empfinde die Session in Flims als viel angenehmer und bereichernder als diejenige in Lugano. Die Infrastruktur und die Betreuung der
Leute ist ausserdem beeindruckend.

Müller-Hemmi:
Ich habe mich gefreut. Ich habe bereits die Tessiner Session als sehr bereichernd erlebt. Wir haben hier ganz andere Austauschmöglichkeiten als in Bern. Ausserdem ist es für die Arbeit im Parlament wichtig, dass beispielsweise die Porta Alpina oder die Neat-Baustelle besichtigt werden können. Dass ich zum Sessionsauftakt Kommissionssprecherin zum Geschäft Stiftung «Zukunft für Schweizer Fahrende» war, hat mich besonders gefreut. Mein Bezug zu den Jenischen hätte ich nicht, wenn ich nicht in Graubünden aufgewachsen wäre. In Graubünden ist gegenüber dieser kulturellen Minderheit auch heute noch spürbar mehr Toleranz vorhanden.

Leutenegger Oberholzer:
Das wage ich zu hinterfragen. Die Baselbieter
Verfassung verpflichtet den Kanton immerhin seit 1987, den Fahrenden bei der Standortsuche zu helfen.

Wie unterstützen Sie denn in Bern die Randregionen?

Müller-Hemmi:
Die Rand- und vor allem auch Bergregionen sind
in Bern sehr gut bedient, sie haben eine starke Lobby. Die Herausforderung hingegen ist nun, dass auch die Bedürfnisse der Städte in Bundesbern analog berücksichtigt werden.

Leutenegger Oberholzer:
Graubünden muss sich wie jeder andere Standort auch entwickeln und sich nicht als Sonderfall fühlen.
Viele Probleme sind die gleichen wie auf nationaler Ebene: Standortförderung, Kampf gegen die Hochpreisinsel oder der Erhalt einer intakten Landschaft. Sonderzüge insbesondere fiskalischer
Natur lehne ich ab. Ich denke dabei vor allem an Steuergeschenke an reiche Ausländer wie beispielsweise die Pauschalbesteuerung. Graubünden soll auf die Solidarität mit anderen Kantonen und nicht auf die Steuerkonkurrenz setzen.

Welche Eindrücke werden Sie mit nach Hause nehmen?

Leutenegger Oberholzer:
Nur Positive. Das Bundeshaus ist immer noch im Umbau. Es wäre schön, die Wintersession gleich
hier anzuhängen. Flims und der ganze Kanton hat sich unglaublich Mühe gegeben. Ich hoffe, dass diese Session von der Bevölkerung nicht als Anmassung der Parlamentarier betrachtet wird. Wir sind stolz auf Graubünden.

Müller-Hemmi:
Die Reaktionen der Kollegen und Kolleginnen zeigen,
dass sie beeindruckt sind. Und auch das Problem der romanischen Sprache bekommt man hautnah mit. Das ist eine wichtige Erfahrung für alle, die in Bern die schweizerische Sprachenvielfalt ernst nehmen und erhalten wollen.

Leutenegger Oberholzer:
Für den Spracherhalt wichtig wäre, dass Graubünden allen Schülern den Zugang zur romanischen Sprache in der Primarschule ermöglichen würde. Ich persönlich vermisse diese Sprachlücke sehr.
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