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AZM - bz - Zeitung für die Region Basel, 26.10.2021, Ressort: Baselland, Seite: 21

Viel Applaus hat das Pflege­personal auch in der Schweiz für seinen Einsatz während der dramatischen ersten Welle der Pandemie als Dank erhalten. Die Bilder mit überlasteten ­Spitälern, Pflegeheimen und Intensivstationen sind noch stark präsent. Aber: Klatschen allein reicht nicht. Applaus stoppt keine Überstunden, verhindert kein Burn-out am Arbeitsplatz, bezahlt keine Lebenshaltungskosten. Trotzdem ist seither zur Verbesserung der Situation der Menschen, die in der Schweiz in der Pflege arbeiten, wenig geschehen. Der Pflegenotstand ist keine Drohung. Er ist längst Realität. Und die Lage wird sich verschlimmern.

Viele Pflegende arbeiten schon lange bis zur Erschöpfung. Corona hat ihre Belastung nochmals erhöht. 40Prozent des ausgebildeten Pflegefachpersonals steigt vorzeitig aus dem Beruf aus. Der Handlungsbedarf liegt auf der Hand. Eine Ausbildungs­offensive ist nötig, reicht aber nicht aus. Die Arbeitsbedingungen müssen verbessert werden, damit die Pflegenden länger im Beruf bleiben. Es braucht Entwicklungsmöglichkeiten, verläss­liche Dienstpläne, bessere Löhne und familienfreundliche Strukturen in der Arbeit.

Mit der Initiative «Für eine starke Pflege» haben wir es im November in der Hand, den nötigen Druck auf Bund und Kantone auszuüben, damit die strukturellen Probleme behoben und die Pflegequalität auf Dauer gesichert werden. Das ist auch der längst fällige Dank an das Pflegepersonal.

Care-Arbeit gibt es nicht nur in der Krankenpflege. In der Schweiz wird viel Care-Arbeit geleistet: bezahlte, unbezahlte und unterbezahlte. Die unbezahlte Arbeit im Haushalt, in der Betreuung von Kindern und von Angehörigen und in der Freiwilligenarbeit summiert sich auf 9,2 Milliarden Stunden im Jahr und übertrifft die Lohnarbeit mit 7,9 Milliarden Stunden (Bundesamt für Statistik, 2016) bei weitem. Würde Care-Arbeit vollständig bezahlt, wäre sie der grösste einzelne Wirtschaftsbereich in der Schweiz. Die unbezahlte Arbeit entspricht einem Geldwert von rund 405 Milliarden Franken. Sie wird mehrheitlich von Frauen erbracht. Statt belohnt werden sie mit schlechteren Renten, geringeren Aufstiegschancen und tieferen Löhnen dafür bestraft. Die unbezahlte Care-Arbeit macht die gesamte volkswirtschaftliche Produktion überhaupt erst möglich. Sie ist deshalb systemrelevant. Das verdient Anerkennung und ruft nach Entlastung. Die gesamtgesellschaftlich nötige Arbeit muss gleichmässig auf die Geschlechter verteilt werden. Nötig sind gute öffentliche Infrastrukturen für die Kinderbetreuung als Teil des Service Public. Die unbezahlte Care-Arbeit muss in den Sozialver­sicherungen abgegolten und in der Erwerbsarbeit mitberücksichtigt werden. Damit wird dieser «blinde» Fleck in der Ökonomie, wie die Schweizer Frauen*synode 2020/21 «Wirtschaft ist Care» zu Recht fordert, auch in universitärer Forschung und Volkswirtschaftslehre endlich sichtbar.

Cash und Anerkennung für Care-Arbeit ist der beste Applaus. Klatschen zum Dank reicht nicht aus. Das gilt für die Pflegearbeit wie auch für die von vielen Frauen, aber auch Männern geleistete unbezahlte Care-Arbeit in der Schweiz.

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